{"id":324,"date":"2010-05-13T09:36:00","date_gmt":"2010-05-13T08:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/web2017\/?p=324"},"modified":"2017-06-13T10:07:25","modified_gmt":"2017-06-13T09:07:25","slug":"blog-werbefreies-sao-paulo-die-wirtschaftsfeindlichste-metropole-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/index.php\/2010\/05\/13\/blog-werbefreies-sao-paulo-die-wirtschaftsfeindlichste-metropole-der-welt\/","title":{"rendered":"Blog: Werbefreies S\u00e3o Paulo: Die wirtschaftsfeindlichste Metropole der Welt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um das Stadtbild zu versch\u00f6nern und weil die Stadt nicht die Ressourcen hatte, Geb\u00fchren f\u00fcr die Nutzung des \u00f6ffentlichen Raums einzufordern, hat der Stadtrat von S\u00e3o Paulo 2006 beschlossen, alle Aussenwerbung auf Stadtgebiet zu verbieten.<\/strong> Weiter wurden die Gr\u00f6sse von Firmenlogos beschr\u00e4nkt und dreidimensionale Werbek\u00f6rper, Promotionen und \u00e4hnliches untersagt.<\/p>\n<p>Was ist seither passiert?<\/p>\n<p>Zuallererst hat das Verbot nat\u00fcrlich die ganze Werbebranche empfindlich getroffen.<strong> Wenige Wochen nach Inkrafttreten wurden die ersten Crack rauchenden Inhaber von bankrotten Werbeagenturen unter den einschl\u00e4gigen Br\u00fccken im Stadtzentrum aufgegriffen<\/strong> (Crack hat das beste Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis zur kurzzeitigen Vernichtung des Weltschmerzes, besser noch als die katholische Kirche). Die meisten Besch\u00e4ftigten in der Alkohol- und Zigarettenindustrie konnten sich rechtzeitig nach Rio de Janeiro absetzen und\/oder begannen, Crack zu dealen. Etwa zu der Zeit, in der alle Auffangzentren ausgebucht waren, traf es die Automobilindustrie. Auch sie konnten der Drogensucht nicht entkommen, ausser sie hatten Verwandte in der Schweiz, die ihnen ein Flugticket bezahlten. Nach der Automobilindustrie, die auch s\u00e4mtliche Zulieferbetriebe und die Erd\u00f6lindustrie in den Abgrund riss, folgten Hersteller von Kosmetika und S\u00fcss- und Salzwaren. Doch ohne die Erd\u00f6lindustrie wurde Energie ein rares Gut, der \u00f6ffentliche Verkehr brach zusammen, der private sowieso, was wiederum alle Politiker den Kragen kostete. Die Polizei war hoffnungslos \u00fcberfordert, da ihnen niemand ihre Schutzgeb\u00fchren bezahlen konnte, mit denen sie ihr Corps zur Bek\u00e4mpfung und\/oder Instandhaltung der Drogenmaschinerie h\u00e4tten aufstocken k\u00f6nnen. Dass unter diesen Umst\u00e4nden die Bev\u00f6lkerung abwandern musste, so lange es noch Flug- und Individualverkehr gab, versteht sich von selbst. Beamtinnen, Lehrer, \u00c4rztinnen verliessen die Stadt in Scharen, Superm\u00e4rkte mussten dicht machen, die ersten, weil ohne Werbung niemand mehr wusste, wo man Esswaren kaufen konnte, die letzten, weil sie nicht mehr mit Esswaren beliefert wurden. Doch all das hatte seine positiven Kehrseiten: Die fr\u00fcheren Besch\u00e4ftigten der Alkohol- und Zigarettenindustrie (die Crack-Dealer) hatten nichts mehr zu essen, und die fr\u00fcheren Besch\u00e4ftigten der Werbeagenturen (die Crack-Konsumenten) hatten nichts mehr, um die Crack-Dealer zu bezahlen und starben einsam eines traurigen Todes unter den Br\u00fccken einer der fr\u00fcher reichsten St\u00e4dte der Welt. Aber: Die Drogensucht war besiegt! Heute ist S\u00e3o Paulo eine Geisterstadt, ein paar verbleibende europ\u00e4ische Hippies scharen sich abends um Feuer, die sie mit abgeholzten Palmen sch\u00fcren und ern\u00e4hren sich von Kraft-Toblerone, die ihre Schweizer Verwandten per Flugzeug abwerfen lassen, damit sie nicht auf die Idee kommen, wieder nach Hause zu reisen.<\/p>\n<p><strong>Traurig, aber wahr: Das ist die Dystopie, die der BSW, die APG und diverse andere ohne jegliche Anhaltspunkte zeichnen und auf Schweizer Plakatw\u00e4nde aufziehen.<\/strong> Die Realit\u00e4t sieht nat\u00fcrlich anders aus.<\/p>\n<p><strong>Ich habe viele Menschen in S\u00e3o Paulo gefragt, was sie vom Werbeverbot halten. Die Antworten k\u00f6nnten einstimmiger nicht sein: Die Leute sind begeistert.<\/strong> Architekten, Kommunikations-Professoren, Zulieferer der Autoindustrie, Tourismusexperten, Designer in Marketingagenturen, sie alle sagen: Etwas besseres h\u00e4tte nicht passieren k\u00f6nnen. Die Stadt lebt, vibriert. Das Neue wie das im Verfall begriffene kam hinter den Werbefassaden zum Vorschein. S\u00e3o Paulo ist eine sch\u00f6ne Stadt. Was von oben grau aussieht, ist durchzogen von Farbe, von phantasievoller Architektur, von kunstvollen Graffiti. Selbst jene, die Werbeauftr\u00e4ge verloren haben, sagen, dass ihnen das Calvin-Klein-Megaposter eigentlich gestohlen bleiben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das Wohlbefinden der Gesellschaft wichtiger als die Partikularinteressen vereinzelter Wirtschaftszweige, doch betrachten wir kurz die Zahlen. Die aktuelle Arbeitslosenquote ist nicht verf\u00fcgbar (jemand meinte, sie w\u00fcrde nur erhoben, wenn sie schlecht sei). S\u00e3o Paulo ohne Autowerbung hat 6 Millionen Autos. S\u00e3o Paulo ohne Zahnpastawerbung hat nicht erkennbar mehr Mundgeruch. Gran S\u00e3o Paulo ist weiterhin die bedeutendste Industriemetropole Lateinamerikas. \u00abWegen der Pr\u00e4senz von rund 1000 deutschen Unternehmen mit 230\u2005000 Mitarbeitern wird S\u00e3o Paulo nach der Anzahl der Besch\u00e4ftigten dieser Betriebe als die gr\u00f6sste deutsche Industriestadt bezeichnet.\u00bb (Zitat Wikipedia\/Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland). Undsoweiterundsofort. S\u00e3o Paulo hat seine Favelas, seine Armut und Kriminalit\u00e4tsrate, doch das ist alles am Sinken, w\u00e4hrend Gesundheit, Alphabetisierung etc. stetig steigt. Nat\u00fcrlich wird es noch lange nicht das Niveau der Schweiz erreichen, aber der Kurs zeigt klar aufw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Kurz: <strong>Der Entscheid des Stadtrats, Aussenwerbung drastisch einzuschr\u00e4nken bzw. weitgehend zu verbieten, hat zu mehr Lebensqualit\u00e4t und nicht zu wirtschaftlichen Einbussen gef\u00fchrt.<\/strong> Die Zeitungsartikel \u00fcber das Werbeverbot, von der New York Times \u00fcber Adbusters bis zur NZZ und dem Tages-Anzeiger, waren unbezahlte und erst noch glaubw\u00fcrdige Werbung f\u00fcr die Stadt S\u00e3o Paulo, die im Werbemarkt das Budget jeder staatlich gef\u00f6rderten Tourismuskampagne gesprengt h\u00e4tten. In den Worten von Scenic America &lt;www.scenic.org&gt;, dem US-amerikanischen Pendant der IG Plakat | Raum | Gesellschaft: <strong>\u00abChange is inevitable. Ugliness is not.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Die unlautere Propaganda eines Branchenverbands, der sich mit dem Pr\u00e4dikat \u00abswiss leading agencies\u00bb schm\u00fcckt, und meint, Werbeverbote w\u00fcrden ALLE Arbeitspl\u00e4tze in der Schweiz gef\u00e4hrden, ist ein weiteres Armutszeugnis f\u00fcr die Branchenverb\u00e4nde der Schweizer Werbelandschaft und f\u00fcr undemokratische Einflussnahme, die im Sinn von Vil\u00e9m Flusser, des grossen Kommunikationsphilosophen, der lange Zeit in Brasilien gelebt hat, nur faschistisch genannt werden kann. Schade eigentlich.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von Christian H\u00e4nggi erschien urspr\u00fcnglich auf dem Blog des Werbe- und Kommunikationsbranchenportals <a href=\"http:\/\/www.persoenlich.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">persoenlich.com<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um das Stadtbild zu versch\u00f6nern und weil die Stadt nicht die Ressourcen hatte, Geb\u00fchren f\u00fcr die Nutzung des \u00f6ffentlichen Raums einzufordern, hat der Stadtrat von S\u00e3o Paulo 2006 beschlossen, alle Aussenwerbung auf Stadtgebiet zu verbieten. Weiter wurden die Gr\u00f6sse von Firmenlogos beschr\u00e4nkt und dreidimensionale Werbek\u00f6rper, Promotionen und \u00e4hnliches untersagt. Was ist seither passiert? Zuallererst hat das Verbot nat\u00fcrlich die ganze Werbebranche empfindlich getroffen. 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