{"id":344,"date":"2011-03-10T10:21:39","date_gmt":"2011-03-10T09:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/web2017\/?p=344"},"modified":"2017-06-13T10:27:14","modified_gmt":"2017-06-13T09:27:14","slug":"blog-werbung-im-offentlichen-verkehr-geben-wir-noch-einen-drauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/index.php\/2011\/03\/10\/blog-werbung-im-offentlichen-verkehr-geben-wir-noch-einen-drauf\/","title":{"rendered":"Blog: Werbung im \u00f6ffentlichen Verkehr: Geben wir noch einen drauf!"},"content":{"rendered":"<p>(Dies ist mit Abstand mein l\u00e4ngster Blog-Beitrag. Bitte nehmen Sie sich Zeit, drucken Sie ihn aus und lesen Sie ihn wann Sie Zeit haben. Er ist wichtig.)<\/p>\n<p>Immer wieder schleichen sich neue Werbeformen in den \u00f6ffentlichen Verkehr. Die SBB Immobilien beispielsweise f\u00fchrt immer wieder neue Werbebildschirme, Grossplakate und Wechselwerbung ein, so dass man heute vor lauter Werbung den Bahnhof kaum noch sieht. Doch auch die Verkehrsbetriebe Z\u00fcrich (VBZ) \u2013 wie viele ihrer Pendants in anderen St\u00e4dten \u2013 er\u00f6ffnen der Werbeindustrie unter dem abgegriffenen Label \u00abInnovation\u00bb stets neue M\u00f6glichkeiten, in einer komplett \u00fcbers\u00e4ttigten Aufmerksamkeits\u00f6konomie noch einen draufzugeben.<\/p>\n<h3>\u00abCobra\u00bb: Vom Niedergang eines sch\u00f6nen Trams<\/h3>\n<p>Vor ein paar Jahren hat die VBZ sich und der Bev\u00f6lkerung das Cobra-Niederflurtram geschenkt. Obwohl es manchmal etwas eng wird darin, hat mir das Interieur stets gut gefallen. Im Gegensatz zu anderen Trams gab es keine Fensterwerbung und die H\u00e4ngekartons konnte noch z\u00e4hlen, wer Musse dazu hatte. Vielleicht ist es nur mir aufgefallen, aber nach einer gewissen Zeit klebte einmal da ein Fenstertransparent, dann dort und schliesslich \u00fcberall. Genauso verlief es mit den H\u00e4ngekartons. Die stilvolle Innengestaltung ist hinter den Werbungen verschwunden und heute weiss bestimmt niemand mehr, dass es fr\u00fcher anders war.<\/p>\n<p>Man hat sich daran gew\u00f6hnt. Und wie alles Gewohnte, nimmt man es nicht mehr war, wie der Kommunikationsphilosoph Vil\u00e9m Flusser vor langer Zeit bemerkt hat. Die VBZ schreibt, dass sich die Akzeptanz der Fenstertransparente in den Cobras erh\u00f6ht hat. Doch sie nennt keine Quelle f\u00fcr diese Behauptung, geschweige denn eine Quelle, die ber\u00fccksichtigt, dass jede schleichende Entwicklung die Aufmerksamkeitsschwelle erh\u00f6ht und somit zu mehr \u00abAkzeptanz\u00bb f\u00fchrt, was nichts anderes heisst als \u00abIndifferenz\u00bb oder \u00abNichtbeachtung\u00bb.<\/p>\n<h3>\u00abMoving Posters\u00bb: Die Stadt im Lochraster<\/h3>\n<p>Doch damit nicht genug. Der neuste Streich der VBZ TrafficMedia ist eine perfide Werbeform, die den Namen \u00abMoving Posters\u00bb tr\u00e4gt (es bewegt sich das Tram, nicht das Plakat). Moving Posters sind Plakate, die ganze Fenster abdecken. Von aussen sieht man nicht mehr, wer gedankenverloren in der Nase bohrt und von innen sieht man das Grossm\u00fcnster, die Seepromenade und den Paradeplatz durch einen Lochraster.<\/p>\n<h3>\u00abWerbewelten\u00bb: Es gibt kein Entkommen<\/h3>\n<p>Doch damit nicht genug. Ein weiterer neuer Streich der VBZ TrafficMedia ist eine noch perfidere Werbeform, die \u2013 ehrlich und doch irgendwie euphemistisch \u2013 \u00abWerbewelten\u00bb heisst. Diese Trams sind von oben bis unten und hinten bis vorn mit Werbung f\u00fcr ein einzelnes Unternehmen vollgepflastert, und man hat nicht die geringste Chance, ihr zu entkommen. Die Wahlfreiheit, die uns auch sonst nicht gew\u00e4hrt wird, wird hier endg\u00fcltig zum Teufel gejagt. Wer nun meint, dass eine Tramfahrt in einem Werbewelten-Tram kostenlos ist, wie es die werbefinanzierten Pendlerzeitungen sind, der irrt. Und wer meint, dass sie daf\u00fcr noch ein paar Batzeli einstecken k\u00f6nnte, ist eine hoffnungslose Idealistin.<\/p>\n<h3>Ohnmacht und Aggression<\/h3>\n<p>Mir ist es seit langem unwohl in den Trams, weil sie derart mit Werbung vollgestopft sind. Doch neue Werbeformen wie die Moving Posters und die Werbewelten l\u00f6sen in mir ein regelrecht k\u00f6rperliches Unbehagen aus, eine Aggression gepaart mit Machtlosigkeit und Verzweiflung \u2013 und ich sage dies nicht um zu kokettieren. Mir wird psychisch und physisch schlecht, und der Rest des Tages ist mir verdorben. Ich weiss nicht, wie vielen anderen Menschen es so geht, aber ich kenne einige gesellige und friedliebende Zeitgenossen, die aus diesem Ohnmachtsgef\u00fchl zu Bestien werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Aggression in Sachbesch\u00e4digung umschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Naiv wie ich bin, habe ich immer daran geglaubt, dass die Bev\u00f6lkerung in einem Land, das sich demokratisch nennt, \u00fcber ihr Eigentum und die \u00f6ffentlichen G\u00fcter mitbestimmen darf und soll. Und naiv wie ich bin, habe ich immer gedacht, dass es wichtig ist, dass man den zust\u00e4ndigen \u00c4mtern und Stellen Feedback gibt, denn das erhalten sie sonst nicht, auch nicht \u00fcber Meinungsumfragen. Aus diesem Grund habe ich k\u00fcrzlich Daniel Andres, dem Leiter von VBZ TrafficMedia, geschrieben und meinen Unmut ausgedr\u00fcckt. Nur wenig sp\u00e4ter habe ich eine vorgefertigte Antwort erhalten, die voll von PR-Sprache ist und von Wirtschaftlichkeit, Ertragsfeldern und Wettbewerbsf\u00e4higkeit faselt.<\/p>\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber hier das Antwortschreiben von VBZ TrafficMedia:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Sehr geehrter Herr H\u00e4nggi<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihr Schreiben. Wir verstehen Ihren \u00c4rger. Es ist so, dass auch die st\u00e4dtischen Betriebe angehalten sind, Kosten zu minimieren und m\u00f6gliche Ertragsfelder auszubauen. Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsf\u00e4higkeit sind wichtige Zielsetzungen im \u00f6ffentlichen Verkehr. Und in der Verkehrsmittelwerbung besteht tats\u00e4chlich Optimierungspotenzial. Dennoch sind die VBZ bestrebt, dass Werbung nicht zum St\u00f6rfaktor wird.<\/p>\n<p>Neu bei uns sind die sogenannten \u00abMoving Posters\u00bb, die zusammen mit einer Dachwerbung an jeder Seite des Fahrzeugs platziert werden. Es darf nur 1 Poster pro Seite angebracht werden. Ausserdem gelten strenge Restriktionen: Von den \u00fcber 300 Tramfahrzeugen der Z\u00fcri-Linie d\u00fcrfen nurmehr 15 Fahrzeuge gleichzeitig mit Moving Posters ausger\u00fcstet werden. Das sind 5 % unserer Fahrzeugflotte. Auch die Werbewelten-Trams (Bauhaus) sind ein exklusives Produkt: H\u00f6chstens 5 Fahrzeuge d\u00fcrfen in dieser Form ausgestattet werden. Die Zahl der H\u00e4ngekartons sind in den letzten 4 Jahren nicht erh\u00f6ht worden. In einem Cobra gibt es 40, in einem Tram2000 20 Stellen f\u00fcr H\u00e4ngekartons. Was zugenommen hat, ist die Dispenser-Werbung. (Antwortkarten).<\/p>\n<p>Wenn Sie einen Blick auf andere St\u00e4dte in der Schweiz werfen, wo Vollbemalungen und TrafficBoards seit Jahren erlaubt sind, ist Z\u00fcrich die Stadt mit den st\u00e4rksten werblichen Einschr\u00e4nkungen. Das \u00abZ\u00fcri-Blau\u00bb wird auch in Zukunft ein pr\u00e4gendes Element im Stadtbild bleiben. Wie oben erw\u00e4hnt, sind diese Massnahmen unabdingbar, um die erh\u00f6hten Budgetvorgaben des Kantons (ZVV Z\u00fcrcher Verkehrsverbund) zu erf\u00fcllen und die Qualit\u00e4t der Serviceleistungen auf gegenw\u00e4rtigem Niveau zu halten.<\/p>\n<p>Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben und wir werden alles daran setzen, unseren Fahrg\u00e4ste bestm\u00f6glichen Service zu bieten.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fcssen<br \/>\nVBZ TrafficMedia<\/p>\n<p>Auf die PR-Floskeln (\u00abWir verstehen Ihren \u00c4rger\u00bb, \u00ab&#8230;bestrebt, dass Werbung nicht zum St\u00f6rfaktor wird\u00bb, \u00abWir werden alles daran setzen, unseren Fahrg\u00e4sten den bestm\u00f6glichen Service anzubieten\u00bb) will ich nicht weiter eingehen. Auch will ich nur darauf hinweisen, dass ich nirgends in der Schweiz im Innenraum der Fahrzeuge so viel Werbung angetroffen habe wie in Z\u00fcrich und dass ich in ganz Nordamerika nirgends Werbung an Fenstern bemerkt habe. Ebenfalls darf nicht vergessen werden, dass das Argument der Wettbewerbsf\u00e4higkeit in einem nat\u00fcrlichen Monopol wie jenem des \u00f6ffentlichen Verkehrs fehl am Platz ist.<\/p>\n<p>VBZ TrafficMedia schreibt, dass nur 1 Moving Poster pro Seite angebracht werden darf. Dennoch habe ich fotografisch festgehalten, dass es Trams gibt mit 2 Moving Postern pro Seite. Weshalb die VBZ ihre eigenen Regeln so kurz nach der Einf\u00fchrung bricht, will mir nicht einleuchten.<\/p>\n<h3>Wirtschaftlichkeit: eine fabrizierte Notwendigkeit<\/h3>\n<p>Doch gehen wir kurz auf die Wirtschaftlichkeit ein. Der politische Philosoph Alain Badiou schreibt in seinem Buch Ethik treffend: \u00abDer moderne Name der Notwendigkeit ist die \u00d6konomie.\u00bb Genauso verh\u00e4lt es sich hier \u2013 und genauso verh\u00e4lt es sich im \u00dcbrigen mit der Aussenwerbung in den St\u00e4dten und in geringerem Mass in den D\u00f6rfern. Anstatt sich ernsthaft mit Begriffen wie \u00abService Public\u00bb, \u00ab\u00f6ffentlicher Raum\u00bb, \u00abDemokratie\u00bb, \u00abMeinungs\u00e4usserungsfreiheit\u00bb, \u00abWahlfreiheit\u00bb, \u00abMitbestimmung\u00bb usw. auseinanderzusetzen, werden \u00f6konomische Notwendigkeiten fingiert und fabriziert, Notwendigkeiten, denen man absolut zu gehorchen hat und denen man die hehren obgenannten Ideale ohne mit der Wimper zu zucken unterwirft. Die grossen gesellschaftlichen Errungenschaften seit den Griechen und der Aufkl\u00e4rung sind wenig mehr als Stolpersteine f\u00fcr einen blinden Neoliberalismus, der seinen Zenit l\u00e4ngst \u00fcberschritten hat und im Werden der egalit\u00e4ren Gesellschaften nicht viel mehr als ein missgl\u00fcckter Marktausflug war (wenn auch einer, der viel Leid gebracht hat).<\/p>\n<p>Der moderne Name der Notwendigkeit ist die \u00d6konomie. Schauen wir uns die \u00d6konomie kurz an: Der Umsatz von VBZ TrafficMedia entspriach 2009 lediglich 2,35% des Ertrags\u00a0der VBZ.\u00a0Leider muss ich den\u00a0Umsatz von VBZ TrafficMedia dem Ertrag der VBZ gegen\u00fcberstellen, doch andere Zahlen habe ich nicht gefunden (die Aufw\u00e4nde von VBZ TrafficMedia sind vermutlich in den Posten Personalaufwand und Sachaufwand versteckt). Als Gedankenexperiment nehmen wir deshalb an, dass der Umsatz von VBZ TrafficMedia auch dem Ertrag entspricht.<\/p>\n<h3>Was es kosten w\u00fcrde, wenn man w\u00e4hlen k\u00f6nnte<\/h3>\n<p>W\u00fcrde man auf Werbeeinnahmen verzichten und die Einnahmeeinbussen komplett auf den Fahrpreis abw\u00e4lzen, dann w\u00fcrde sich der Preis f\u00fcr ein Billett folgendermassen erh\u00f6hen:<\/p>\n<p>24 Stunden, \u00bd-Tax: CHF 5.80 | neu: CHF 5.93 (+ CHF 0.13)<br \/>\nMonatsabo: CHF 79.00 | neu: CHF 80.86 (+ CHF 2.86)<br \/>\nJahresabo: CHF 711.00 | neu: CHF 717.71 (+ CHF 16.71)<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde jederzeit und sofort diesen Mehrbetrag bezahlen, ja, ich w\u00fcrde sogar das Doppelte bezahlen, doch werde ich weder gefragt, noch habe ich die Wahl.<\/p>\n<p>Infrastruktur hat seinen Preis und das Leben in Gemeinschaft kommt mit Aufwendungen, die die Gemeinschaft zu tragen hat. Wer ein gutes \u00f6ffentliches Verkehrsnetz will, muss daf\u00fcr auch bezahlen. Wie ich in einem anderen Blog-Beitrag erw\u00e4hnt habe, haben Seattle WA und Portland OR \u2013 St\u00e4dte, die man durchaus mit Z\u00fcrich vergleichen kann \u2013 ein gut ausgebautes \u00f6ffentliches Verkehrsnetz mit sehr wenig Werbung, und die Benutzung in der Innenstadt ist kostenlos. Gratis. Doch hierzulande ist es nicht so, dass wer viel bezahlt (Fahrg\u00e4ste und Steuerzahler) auch viel befiehlt (VBZ, VBZ TrafficMedia und Werbeindustrie).<\/p>\n<h3>Was Sie tun k\u00f6nnen<\/h3>\n<p><strong>Werbetreibende:<\/strong> Vergessen Sie nicht, dass Sie in erster Linie B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind und erst in zweiter Linie Werbetreibende. Boykottieren Sie Werbeformen, die aussergew\u00f6hnlich st\u00f6rend sind. Und denken Sie daran, dass mehr Werbung weniger Aufmerksamkeit bedeutet.<\/p>\n<p><strong>M\u00e4zeninnen:<\/strong> Kaufen Sie ein Jahr lang alle Werbefl\u00e4chen auf und lassen Sie sie frei.<\/p>\n<p><strong>Passagiere und B\u00fcrgerinnen:<\/strong> Schreiben Sie einen Brief oder eine E-Mail an Ihren Verkehrsbetrieb und Ihren Stadtrat und fordern Sie sie auf, solch unsinnige Werbeformen zu unterlassen.<\/p>\n<p><strong>Konsumenten:<\/strong> Boykottieren Sie die Unternehmen, die Ihnen die Sicht versperren.<\/p>\n<p><strong>Verkehrsbetriebe:<\/strong> Seien Sie stolz auf Ihre Stadt und \u00fcberlegen Sie ganz genau, was Sie zu welchem Preis hergeben. Reduzieren Sie Werbung, setzen Sie werbefreie Fahrzeuge ein und lassen Sie sich nicht von \u00abNotwendigkeiten\u00bb unter Druck setzen.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von Christian H\u00e4nggi erschien urspr\u00fcnglich auf dem Blog des Werbe- und Kommunikationsbranchenportals <a href=\"http:\/\/www.persoenlich.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">persoenlich.com<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dies ist mit Abstand mein l\u00e4ngster Blog-Beitrag. Bitte nehmen Sie sich Zeit, drucken Sie ihn aus und lesen Sie ihn wann Sie Zeit haben. Er ist wichtig.) Immer wieder schleichen sich neue Werbeformen in den \u00f6ffentlichen Verkehr. Die SBB Immobilien beispielsweise f\u00fchrt immer wieder neue Werbebildschirme, Grossplakate und Wechselwerbung ein, so dass man heute vor lauter Werbung den Bahnhof kaum noch sieht. 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