{"id":85,"date":"2009-06-30T15:37:50","date_gmt":"2009-06-30T14:37:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/web2017\/?p=85"},"modified":"2017-05-24T15:42:32","modified_gmt":"2017-05-24T14:42:32","slug":"blog-irrelevante-werbung-wer-ist-verantwortlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plakat-raum-gesellschaft.ch\/index.php\/2009\/06\/30\/blog-irrelevante-werbung-wer-ist-verantwortlich\/","title":{"rendered":"Blog: Irrelevante Werbung:  Wer ist verantwortlich?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die meiste Werbung ist irrelevant. Die Irrelevanz ist jedoch keine Ausrede, sich aus der Verantwortung zu stehlen.<\/strong><\/p>\n<p>Walter Merz, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des BSW, schrieb 2005:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u00ab[Werbung] muss die Empf\u00e4nger ihrer Botschaft ernst nehmen. Sie darf weder dumm, anst\u00f6ssig noch zynisch oder arrogant sein. Sondern einfach und verst\u00e4ndlich. Sie darf provozieren und polarisieren. Und sie muss kreativ sein, intelligent und relevant. Werber und ihre Auftraggeber m\u00fcssen ihre Verantwortung wahrnehmen. Kein Schrott, keine geistige Umweltverschmutzung, keine verbalen Entgleisungen und keine optischen Beleidigungen.\u00bb<\/p>\n<p>Das war vor vier Jahren. Der Artikel tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u00abDie Freiheit der Kommunikation ist in Gefahr\u00bb. Nach meinem Kommentar zu meinem letzten Beitrag d\u00fcrfte klar sein, dass Walter Merz nicht von Kommunikation spricht, sondern von Werbung, allenfalls von kommerzieller Kommunikation (denn bei diesem Begriff hat man sich daran gew\u00f6hnt, dass er keine Reziprozit\u00e4t verlangt).<\/p>\n<p>Was Walter Merz richtig gesehen hat, ist, dass die Werbeindustrie den Werbeverboten, von denen sie sich so bedroht f\u00fchlt, vorbeugen k\u00f6nnte, indem sie eine visuell und intellektuell respektvollere Ansprache verfolgt. Ich bin ja nicht bl\u00f6d. Walter Merz fordert, dass Werbung kreativ, intelligent und relevant sein m\u00fcsse. Ist seit seinem Aufruf etwas geschehen? Wenige hervorragende Agenturen haben in noch weniger hervorragenden Kampagnen kreative, und ganz selten intelligente Werbung gemacht. Das war fr\u00fcher nicht anders. Trotzdem geht sie unter in der Flut von geistig beleidigenden Botschaften. Die Werbeindustrie als Ganzes ist kein bisschen kreativer oder intelligenter geworden. Die grossen Kampagnen werden auch heute noch von internationalen Konzernen diktiert \u2013 was zu Frust f\u00fchrt, der den Kampagnen anzusehen ist.<\/p>\n<p>Und relevante Werbung? In Gesellschaften, die weit oben auf Maslows Pyramide angelangt sind und nur noch Substitutionsg\u00fcter bereitgestellt erhalten, gibt es keine relevante Werbung mehr. Die k\u00e4uflichen Objekte sind f\u00fcr die Konsumenten austauschbar, genauso wie die Konsumenten f\u00fcr die Hersteller k\u00e4uflicher Objekte austauschbar sind. Wie relevant ist ein neues Auto, das nicht nur gleich aussieht, sondern auch die gleiche Funktion erf\u00fcllt wie jenes der Konkurrenz? Wie relevant ist ein neuer Swisscom-Handy-Tarif angesichts hunderter von Preispl\u00e4nen? Wie relevant ist eine neue Ta-bou-Unterw\u00e4sche, die nicht sch\u00f6ner und nicht weniger sch\u00f6n ist als jene von Calida? Diese Produkte f\u00fcr sich gesehen sind nicht relevant. Dar\u00fcber zu sprechen, wie es die Werbung tut, ist ein Diskurs \u00fcber das Triviale, der uns mit der Zeit dazu konditioniert, uns mit Trivialit\u00e4ten zu begn\u00fcgen. Da wir eine beschr\u00e4nkte Aufnahmef\u00e4higkeit haben, k\u00f6nnen wir weniger geistige Kapazit\u00e4ten f\u00fcr Relevantes aufwenden.<\/p>\n<p>\u00abWerber \u2013 und ihre Auftraggeber \u2013 haben eine soziale Verantwortung\u00bb, schreibt Walter Merz. Ich m\u00f6chte pr\u00e4zisieren, dass sie nicht eine geteilte Verantwortung haben, wo jeder ein bisschen Verantwortung tr\u00e4gt und damit tats\u00e4chlich niemand, sondern dass jede und jeder die volle Verantwortung tr\u00e4gt. Jacques Derrida (<em>Politik der Freundschaft,<\/em> S.\u2005338) fasst die verschiedenen Dimensionen der Verantwortung konzis zusammen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Man sagt <em>r\u00e9pondre de-<\/em>: \u00abVerantwortung tragen oder \u00fcbernehmen, verantwortlich sein, einstehen, haften, b\u00fcrgen f\u00fcr-\u00bb; \u00ab<em>r\u00e9pondre \u00e0-<\/em>: antworten auf-, jemandem oder etwas (einem Gesuch, einer Bitte etc.) antworten oder entsprechen\u00bb; und schlie\u00dflich \u00ab<em>r\u00e9pondre devant<\/em>: sich oder etwas, sich f\u00fcr etwas verantworten vor-\u00bb. Diese drei Modalit\u00e4ten lassen sich nicht nebeneinanderstellen, sie sind ineinander verschr\u00e4nkt und implizieren einander. Man tr\u00e4gt oder \u00fcbernimmt Verantwortung <em>f\u00fcr<\/em> sich selbst oder f\u00fcr etwas (f\u00fcr jemanden, eine Handlung, einen Gedanken, einen Diskurs) indem man sich vor einem anderen, vor einer Gemeinschaft von anderen, vor einer Institution, vor einem Tribunal, vor dem Gesetz verantwortet. Und stets tr\u00e4gt oder \u00fcbernimmt man Verantwortung <em>f\u00fcr-<\/em> (sich selbst, seine Handlungen, seinen Diskurs) und verantwortet sich vor-, indem man zun\u00e4chst antwortet (jemandem oder <em>auf-<\/em>). Diese letzte Modalit\u00e4t scheint demnach eine urspr\u00fcnglichere, fundamentalere und also unbedingte zu sein.<\/p>\n<p>Verantwortung hat mit der F\u00e4higkeit zu antworten zu tun. Es erstaunt nicht, dass in einer Industrie, die von einem ausschliesslichen Sendungsbed\u00fcrfnis gepr\u00e4gt ist, der Begriff der Verantwortung ein k\u00fcmmerliches Dasein fristet. Wie soll man sich verantworten, wenn man die Antwort nicht vernehmen kann? Hier ist ein radikaler Wandel erforderlich und das Eingest\u00e4ndnis, dass alle Beteiligten voll verantwortlich sind f\u00fcr den Mist, der nach draussen gelangt. Alle heisst: jede und jeder einzelne. Das bin auch ich \u2013 als Produzent wie als Rezipient. Wer seine Verantwortung nicht akzeptieren kann, der soll wenigstens aufh\u00f6ren, aktiv an der Produktion von Mist zu arbeiten.<\/p>\n<p>Und wem ein positives Statement lieber ist, dem sei der Schlusssatz aus Dieter Thom\u00e4s Artikel \u00abRede und Antwort stehen\u00bb in der NZZ vom 24.6.09 \u00fcberreicht: \u00abGesucht sind Individuen, die Haltung zeigen und Haftung \u00fcbernehmen, die nachhaltig handeln und sich, wenn sie gefragt werden, vor keiner Antwort dr\u00fccken.\u00bb<\/p>\n<p>Wer f\u00fchlt sich betroffen?<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag von Christian H\u00e4nggi erschien urspr\u00fcnglich auf dem Blog des Werbe- und Kommunikationsbranchenportals <a href=\"http:\/\/www.persoenlich.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">persoenlich.com<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meiste Werbung ist irrelevant. Die Irrelevanz ist jedoch keine Ausrede, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Walter Merz, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des BSW, schrieb 2005: \u00ab[Werbung] muss die Empf\u00e4nger ihrer Botschaft ernst nehmen. Sie darf weder dumm, anst\u00f6ssig noch zynisch oder arrogant sein. Sondern einfach und verst\u00e4ndlich. Sie darf provozieren und polarisieren. Und sie muss kreativ sein, intelligent und relevant. Werber und ihre Auftraggeber m\u00fcssen ihre Verantwortung wahrnehmen. 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