Es braucht eine ordentliche Portion Kühnheit, um das Fachpublikum und die Bevölkerung anzuschwindeln. Genau das tut die Werbebranche in Interviews zu den neusten Plakat-Propaganda-Propagandaplakaten. Ihre Profiteure Persönlich und NZZ lassen sie gewähren.

Kein Witz: Zensurfreunde werben gegen Zensur. Im Bild: Bahnhof St. Gallen.
Als der Lobbyverband Aussenwerbung Schweiz AWS kürzlich eine irreführende Kampagne für das Medium Plakat lanciert hat, haben die NZZ und das Branchenmagazin Persönlich den Drahtziehern wohlwollende Interviews gewährt. In der NZZ durfte sich Andreas Hugi, CEO der Werbeagentur Furrerhugi und Präsident des Branchenverbands Leading Swiss Agencies, äussern. Im Persönlich kam Diego Quintarelli, Chief Sales & Marketing Officer von Goldbach Neo, zu Wort.
Diego Quintarelli kann keine Umfrage lesen
Diego Quintarelli behauptet, dass «60 Prozent jedes Frankens in der Out-of-Home-Werbung zurück an die Bevölkerung fliessen, über die verschiedenen Abgaben an die Städte und an die Gemeinden.» Diese Aussage ist erwiesenermassen falsch. Tatsächlich sind nur ein Bruchteil davon «Abgaben an die Städte und die Gemeinden.» In der Zahl von 60% sind auch die Millionensaläre der Führungsriege der Plakatgesellschaften, der Einbau und die Reinigung der Werbeinfrastruktur und anderes mehr inbegriffen. Tatsächlich fliessen maximal 21% als Abgaben an die Städte und Gemeinden zurück.
Auch nach zweimaliger Nachfrage hat sich Diego Quintarelli nicht zu den Quellen geäussert und sich nicht korrigiert. Vermutlich bezieht er sich auf eine Umfrage im Auftrag von Aussenwerbung Schweiz AWS, die PwC 2023 gemacht hat. Doch hätte er genau gelesen, oder bis zu Seite 10, dann hätte ihm aufgehen müssen, dass er arg daneben liegt.
KMU nur 3,5% der Aussenwerbung
Diese PwC-Umfrage ist aus der Defensive heraus entstanden. 2022 hat der jetzige CEO von Goldbach Group, Christoph Marty, dem Stadtzürcher Parlament eine E-Mail mit der faktenwidrigen Aussage geschickt, dass 50% der Aussenwerbung für KMU werbe. Als er von der IG PRG bei dieser Lüge erwischt wurde und der Infosperber später herausfand, dass diese Zahlen gar nicht vorliegen, hat die Lobbyorganisation AWS beschlossen, diese Zahlen erheben zu lassen. Dabei kam heraus, dass nur etwa 3,5% des Umsatzes in der Aussenwerbung mit KMU generiert wird. Aufgrund des viel kleineren Volumens der Kampagnen machen KMU aber 63% des Kundenstamms aus. Seither wird letztere Zahl von der Branche verbreitet, damit niemand merkt, dass die meiste Aussenwerbung von den grössten nationalen und internationalen Brands geschaltet wird, und dass 99% der Schweizer Unternehmen ganz gut ohne Aussenwerbung auskommen.
Goldbach Neo: Bei Zensur firmeneigene Ethikkommission ausgeschaltet
Diego Quintarelli verheddert sich auch in Widersprüchen. Einerseits sagt er, dass sich Goldbach Neo der Politik nicht mehr verschliessen könne. Andererseits soll die Zensur der Alternativen Liste durch Goldbach Neo «mit Politik nichts zu tun» haben, sondern ein klares Zeichen sein, dass sie «keine politische Debatte führen». Spannend auch, dass die Unternehmensführung in bester totalitärer Manier in dieser Zensurfrage die betriebsinterne Ethikkommission übergangen hat.
Schliesslich sagt er: «Niemand wird sich trauen, wenn er im öffentlichen Raum kommuniziert, Lügen zu verbreiten oder eine werbliche Übertreibung einzubauen. Da muss man sich an die Fakten halten, die Bevölkerung reagiert hier sensitiv, das wissen wir aus Erfahrung.» Aber obwohl er «aus Erfahrung» weiss, dass er nicht lügen sollte, tut er es. Er hat sich augenscheinlich auch nicht daran gestört, dass viele der Sujets der neuen Pro-Plakat-Propaganda den Sachverhalt bewusst verzerren und «werbliche Übertreibung» einbauen.
Andreas Hugi begrüsst Zensur und übertreibt um CHF 86 Millionen Franken
Die NZZ hat mit Andreas Hugi, Präsident des Werbeagenturenverbands Leading Swiss Agencies (LSA), gesprochen. Andreas Hugi vertritt damit rund 100 Werbeagenturen, die sich «höchste Qualität und ethische Standards» auf die Fahne geschrieben haben. Mit den ethischen Standards scheint es Andreas Hugi aber nicht so genau zu nehmen.
Der NZZ erzählt er, dass er die AL-Zensur durch Goldbach Neo begrüsse. Weiter sagt er: «Ein Drittel [von 700 Millionen Franken Wertschöpfung durch die Aussenwerbung] fliesst durch Konzessionen wieder an die öffentliche Hand und somit an die Bevölkerung zurück.» Letztlich verbreitet er die gleiche Lüge wie Diego Quintarelli, einfach in absoluten Zahlen. Tatsächlich sind es rund CHF 86 Millionen Franken weniger, als er behauptet. Aber was sind schon 86 Millionen Franken, wenn die Plakatlobby die Werbeagenturen in Fronarbeit ihre Kampagne kreieren lässt?
Auch behauptet Andreas Hugi, dass 15 000 Arbeitsplätze in Agenturen, Druckereien und Plakatgesellschaften durch ein Werbeverbot in Zürich gefährdet wären. Eine total absurde Zahl, die jeglicher Grundlage entbehrt, abgesehen davon, dass die Werbebranche die Druckereien mit ihren Screens an jeder Ecke selber umgeht. Und schliesslich befeuert er das von der Aussenwerbungsbranche erfundene Narrativ, dass Werbescreens eine deutlich bessere CO2-Bilanz hätten als TV- oder Online-Werbung.
Die NZZ profitiert – aber legt es nicht offen
Weder Andreas Hugi noch Diego Quintarelli haben auf unsere mehrfache Bitte ihre abstrusen Behauptungen mit Quellenangaben belegt. Obwohl darauf aufmerksam gemacht, hat die NZZ diese erwiesenermassen falschen Zahlen nicht nachträglich korrigiert oder einer Gegendarstellung Platz eingeräumt. Nicht etwa, weil die NZZ als Haupteigentümerin der APG|SGA inzwischen die grösste Profiteurin von Aussenwerbung in der Schweiz ist (was sie auch in diesem Artikel nicht deklariert hat). Dass sie sich auf die Seite der Aussenwerbung schlägt «hat nichts mit irgendwelchen Besitzverhältnissen zu tun, sondern mit unserer liberal-bürgerlichen Haltung,» so die NZZ per E-Mail.
Stimmen unterdrücken und Tatsachen verdrehen, verzerren, lügen und ausschweigen gehört aber zum Instrumentarium totalitärer Propaganda, nicht zu einer liberalen Haltung, egal ob bürgerlich oder anderweitig.
